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"Denn alles, was auf Erden
steht,
besteht durch Ehre und Treue,
Wer heute die alte Pflicht
verrät,
Verrät auch Morgen die Neue."
A. Stifter
Wer die Erinnerung auslöschen
will, macht die Gegenwart zur Farce und ist ungeeignet, Verantwortung
für die Zukunft übertragen zu bekommen.
„Viel mehr aber sind jetzt in
unserem Vaterlande, die als verkappte Nachtwächter oder hohnneckende
Lärmmacher der Zeit sich gleich Verzweifelnden gebärden und den Frommen
und Dummen im Lande mit Mord– und Feuerrufen Angst machen wollen. Wie vieles ist von dem
geschwinden Strom der Zeit weggespült, was damals noch fest und lebendig
stand. Wie vieles heißt man uns hassen,
was wir damals noch liebten. Wie vieles verachten, was wir damals
ehrten. Wie vieles nichtig ansehen, was uns damals herrlich deuchte. Wie kann das Neue sich Treue
versprechen, von einem Leichtsinn, der keine Toten zu beweinen hat. Nur wessen Herz auch noch
jenseits in der Vergangenheit steht, der wird der Gegenwart redlich
helfen und mutig in die Zukunft hineinstreben. Wer Fremden nachäfft, wieweit er
es auch bringe, offenbart immer eine nichtige Eitelkeit oder einen
hündischen Sklavensinn. Wie wir uns achten, werden wir
geachtet werden. Wer sich selbst verläßt, der wird
verlassen; das Volk, das an sich zweifelt, an dem verzweifelt die Welt
und die Geschichte schweigt auf ewig von ihm.“
Diese Sätze stammen aus der
Hoffnungsrede von 1810, die E. M. Arndt zu Ehren des Geburtstages des
schwedischen Königs vor dem Senat der Universität Greifswald halten
wollte, doch wegen der Feigheit etlicher Professoren nicht halten
durfte.
„Ernst Moritz Arndt“,
schreibt Maria Pakulta 1992 in ihrem Aufsatz „Traditionen
der Gründung“, „gehörte zu jenen mutigen Männern der Deutschen
Geschichte, die vor mehr als 170 Jahren ihr gesamtes Leben und Schaffen
in den Dienst des Deutschen Volkes stellten. Sein Leben und Schaffen
haben zwar in der wechselvollen Geschichte der letzten hundert Jahre,
die reich ist an Wirren, Spannungen, Spaltungen, Zusammenbrüchen und
Wiederaufstiegen, eine oftmalige, zugleich aber sehr unterschiedliche
Wertung erfahren. Es ist erstaunlich, wie ihn Politiker und Publizisten
aller Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts über alle Gegensätze
hinweg für die Begründung aktueller Thesen, Forderungen und Standpunkte
in Anspruch genommen haben. Jede Richtung versuchte, sich auf Arndt als
Vorläufer der jeweils propagierten Ziele zu berufen. Indem man einzelne
Aspekte seines Lebenswerkes aus ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhang
riß, andere außerhalb des Blickfeldes ließ und wieder andere umdeutete
und verfälschte, konnte man E. M. Arndt je nach Interessenlage
mißbrauchen. Arndt hat als deutscher Patriot und Christ in seinem
Zeitalter und für sein Zeitalter gelebt und gewirkt. (-) Wir werden E.
M. Arndt nur dann gerecht, wenn wir uns bemühen, ihn ganz aus seiner
Zeit heraus zu verstehen, wenn wir seinen schweren inneren Kämpfen
um den richtigen
politischen Standpunkt folgen, statt in seinen weithin zeitbedingten
Schriften nach Beweisen für die Richtigkeit der eigenen Ideologie zu
suchen.“ Am 26. 12. 1769 auf Rügen als Sohn
eines ehemaligen Leibeigenen geboren, legte er 1796 das theologische
Examen in Greifswald ab. Seine besondere Liebe galt – mehr
noch als der Theologie - der deutschen Sprache, Volkskunde und
Geschichte wie der Natur. 1798/99 wanderte er durch
Deutschland, Italien und Frankreich. Ab 1800 lehrte er in Greifswald
Geschichte und Sprachforschung; später in Bonn. 1803 half er mit seiner Schrift über
die Leibeigenschaft ganz beträchtlich, die Aufhebung der Leibeigenschaft
für die Bauern in Pommern und Mecklenburg vorzubereiten. Sein Hauptziel sah er in der
Überwindung der Kleinstaaterei und politischen Zersplitterung
Deutschlands. In ganz besonderer Weise wirkte
Arndt durch den Einfluß des Freiherrn v. Stein in der Phase der
napoleonischen Unterdrückung Deutschlands und in den Freiheitskriegen.
Im Zuge der Demagogenverfolgung wurde er auf Veranlassung König Friedrich Wilhelm III. am 14. Juli 1819
in Bonn verhaftet und seine Schriften beschlagnahmt. Erst 20 Jahre
später, nach Schikanen und Berufsverbot, hat 1840 der Sohn der Königin
Luise, König Friedrich Wilhelm der IV., ihn rehabilitiert, und es wurde
ihm zumindest die „Hoffnungsrede von 1810“ zurückgegeben. Ernst Moritz Arndt gehörte 1848/49
der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche an und sprach den
Schwur auf das gesamtdeutsche schwarzrotgoldene Banner. Sein ganzes Leben wurzelte zudem in
Natur und Landschaft. Es scheint heute – um an Diwalds
großen Vortrag über Ernst Moritz Arndt zu erinnern – als laufe die
Erinnerung an Arndt „auf die Beschwörung eines Toten hinaus, den man
nach seinem Ableben vor gut einhundert Jahren periodisch zu den
Unsterblichen versetzt und periodisch wieder totgeschlagen hat.“
Er lebte in einer Zeit, wo es um die
Existenz Preußens, ja Deutschlands ging, in der der nationale Widerstand
gegen die Unterdrückung wuchs, in der Kleist seine „Hermannschlacht“
schrieb, Fichte seine „Reden an die Deutsche Nation“ hielt. Damals wurden viele der Arndt’schen
Lieder wahrhaft zu Volksliedern. Er war „tatsächlich ein Mann des
Volkes, er war durch und durch, das gilt mit allen Nebenassoziationen,
die zu dem Begriff des Volkes (-) gehören (-), vor allem dem einfachen
Volk mit seinen derben Sitten, seinem Brauchtum, seinen Spukgestalten,
Vorurteilen, Beschränkungen zugetan.“ Siebzigjährig schrieb er: „Für die
Bauern hatte ich meinen ersten Auslauf getan, für sie meine ersten
Sträuße ausgeteilt und zurückempfangen. Sie sind auch bis auf den
heutigen Tag ein immer ernsterer Gegenstand meines Nachdenkens geworden
und werden es von Tag zu Tag mehr…“ Bemerkenswert sind seine
Bekenntnisse in „Aus meinem inneren und äußeren Leben“, wo er zum
Begriff der persönlichen und politischen Freiheit Gedanken äußert, die
heute mehr denn je Gültigkeit haben sollten ( „Und mit Recht halten die
Menschen, welche sich auf Freiheit verstehen, den Staat besser und
glücklicher, wo schlechten Gesetzen ohne Ausnahme gehorcht wird, als
jenen anderen, wo Eigenmacht oder Mutwille gute Gesetze nur zuweilen
überschreiten dürfen.“) und bei Mattias Claudius im wunderbaren „Brief
an meinen Sohn Johannes“ ganz ähnlich klingen, aber später, im Vormärz,
auch bei Robert Prutz („ Ehre namentlich denen, welche das Schwert mit
der Leier vereinigten, ja die zum Teil mit ihrem Blute die Wahrheit
ihrer Lieder besiegelten! Ehre den Körner, Arndt, Jahn, Schenkendorf,
Ehre der ganzen patriotischen Lyrik unserer Freiheitskriege! Es lebt in
diesen Liedern eine Begeisterung, eine Wahrheit, eine Innigkeit, ein
schöner, frommer, stolzer Glaube, der auch jetzt noch, nachdem wir ihn
längst verloren haben – oder haben wir ihn nicht verloren? Ist er uns
vielmehr gewaltsam aus der Seele gerissen worden?! – unsere Herzen
unwiderstehlich bewegt!“) und bei Friedrich Wilhelm Weber zu
finden sind: („Freiheit sei der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe
bindet, daß sie, statt im Staub zu kriechen, froh sich in die Lüfte
windet.“). Wo es um seinen Glauben ging, hatte
Ernst Moritz Arndt viele Jahre schwer mit sich gerungen. „Ich betete als
Knabe mit Inbrunst und spottete als Jüngling mit Frechheit.“ Er hatte es sich um sein Christentum
nicht leicht gemacht. „In Demut still, in Hoffnung fröhlich, im Glauben
unerschütterlich, in Liebe überschwenglich.“
Sein Ideal war die eine nationale
Kirche, alle Deutschen vereinigend, weil sie, wie er glaubte, die
nationale, die politische Einigung Deutschlands bewerkstelligen könnte.
33 Lieder steuerte er für seinen Gedanken eines
einheitlichen gemeinsamen Gesangbuches für alle Christen ohne
Unterschied ihres Bekenntnisses bei. Und so äußerte er in seiner letzten
Schrift als ein Bekenntnis zu Gott und Vaterland: „De coelo et de
patria est nunquam desperandum.“ Am Himmel und am Vaterland darf
man niemals verzweifeln. Bemerkenswert und wegweisend waren
seine Gedanken zur Leibeigenschaft, zum Bauernlegen, zur Gleichheit der
Menschen. Der Vorwurf des Antisemitismus fällt
auf die Urheber, auf jene, die überall etwas Böses finden wollen, um
sich und ihre aberwitzigen Behauptungen zu bestärken, zurück. Man sollte
Arndts intensive Beschäftigung mit dem Alten Testament sowie seine
Bewunderung Moses’ bedenken, wenn man sich seine Stellung zu den Juden
erklären will. „Der nationale Pathos der jüdischen Propheten und die
strenge Majestät des alttestamentarischen Gottes“ haben bei ihm
unverkennbare Spuren hinterlassen. Seine Abneigung gegen bestimmte
Erscheinungen des Judentums, weit weniger schroff als bei anderen
Repräsentanten des damaligen Geisteslebens, wird durch die immer wieder
ausgesprochene Hoffnung des 19. Jahrhunderts auch von ihm ergänzt, daß
die Juden in zwei bis drei Generationen ganz im Deutschen Volk
aufgegangen sein möchten. Das war auch die große Hoffnung eines großen
Teils der jüdischen Patrioten im 19. Jahrhundert.
Nun haben vor einiger Zeit ein paar
geistige Brandstifter in Greifswald und andernorts, auch Piraten und
linke Randalierer, versucht, dem Zeitgeist und neuen „Lehrern“,
sogenannten Historikern a la Wippermann und Stamm-Kuhlmann – auf die der
Spruch von Karl Krauss zuzutreffen scheint: „Ihm nahm ein Gott zu
leiden was er sagt!“ - zu folgen.
Daß dahinter, wie aus der
Universität und der Stadt zu hören war, auch versucht wurde zu schmieren
– gleichsam panem et circensis zu zelebrieren, läßt aufhorchen.
Freunde, Bewunderer des Dichters,
Historikers und Patrioten, des Freiheitskämpfers Ernst Moritz Arndt
waren aufgestanden, hatten sich gewehrt gegen die grundlosen
Schmähungen, wüsten Verunglimpfungen, gegen die Schandmäuler – und sie
hatten fürs Erste Erfolg. Ob es dauerhaft halten wird, ist
angesichts der Entwicklung an den Hochschulen nicht sicher. Solange von einigen, sich mehr
politisch randalierend als studierend Betätigenden die Bachelor- und
Masterwege anstatt eines Diploms oder anderer vollständiger Abschlüsse
für ausreichend erachtet werden, bleibt ja hinreichend Zeit für Krawalle
dieser Schreihälse und Möchtegerne, zu Selbstdarstellungen ohne
wissenschaftliche Basis.
Wir werden also aufpassen müssen und
abwarten, denn daß diese, von wem auch immer Gelenkten und Gefütterten
nachgeben, ist angesichts der Entwicklung und der schwelenden grünroten
Forderung nach Aufhebung der Deutschen Staatsbürgerschaft nicht zu
hoffen.
Was hatte uns Theodor Storm, der
große Dichter Norddeutschlands, mit auf den Weg gegeben:
„Es gibt eine Sorte im Deutschen
Volk Und weil der lebenskräftige Leib
Die wollen zum Volk nicht
gehören; sie abzustoßen trachtet,
sie sind auch nur die Tropfen
Gift so hassen sie nach Vermögen
ihn,
die uns im Blute
gären. und hätten ihn gern verachtet
Und was für Zeichen am Himmel sind,
Licht, oder Wetterwolke,
sie gehen mit dem Pöbel zwar,
doch niemals mit dem Volke!“
Literatur: E.M. Arndt’s Gesammelte
Werke;
Diwald, Helmut
Ernst Moritz Arndt, das Entstehen des deutschen Nationalbewußtseins;
E.M.Arndt Hoffnungsrede vom Jahre 1810; Hefte der
E.M.Arndt-Gesellschaft, 1. Jahrgang 1992, Heft 1; Walter Bussmann
Ernst Moritz Arndt, Wochenzeitung „Das Parlament“, 1960; Lars Franke
„Kämpferisch und umstritten“ Nordkurier 24./25.Dezember 2009;
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