zur Geschichte des Dorfes

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Kinderdorf Alt-Rehse

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Zur Geschichte des Dorfes und seiner Landschaft liest man am besten in den Büchern „Alt-Rehse  Ein Dorf in Licht und Schatten“ 1995, sowie in „Alt-Rehse  Schau auf dieses Dorf“ 1999,  nach. Kurzgefaßt läßt sich folgendes sagen:

Alt-Rehse -  Museum, Wallfahrtsort, oder Dorf mit Zukunft, Stiftungsort oder Zentrum für Erholung am Tollense-See ?

Hoch auf der Bruchkante der Endmoräne am Tollense-See liegt der Ort, so daß man dem bedeutenden mecklenburger Historiker Lisch folgen möchte, der  Mitte des vorigen Jahrhunderts meinte, daß Alt-Rehse jenes „michnin“ ( der „hohe Ort“) sei, von dem in der Gründungsurkunde des Klosters Broda 1170 die Rede gewesen ist. Zwar gilt diese Urkunde als Fälschung, doch betrifft das die Anhäufung von übereigneten Ortschaften.
Schon in der Bestätigung der Urkunde 1182 wird der Ort nicht mehr erwähnt, dafür steht dann, erst später eingefügt, „reze“. Und wieder beginnt der Streit. Leitet es sich vom slawischen „reka“, der Fluß ab, ( da es hier keinen Fluß, nicht einmal einen Bach gibt, übersetzten es heutige Archäologen kühn mit „Seedorf“), oder kommt es, was mindestens ebenso wahrscheinlich, wenn nicht logischer ist, von der in den damaligen Chroniken gebräuchlichen lateinischen Bezeichnung „rethre“ für die in jener Zeit weit bekannte Lokalisation des slawischen Machtsitzes zwischen Fischerinsel bei Wustrow und Bacherswall in der Lieps?
Alt-Rehse jedenfalls steht spätestens seit der Wende wieder in den Schlagzeilen.
Ist es ein Dorf wie so viele im zugewonnenen Deutschland, oder eher unverwechselbar, ein Dorf wie wenige ? Nein - das Dorf ist nicht so wie viele, im Guten nicht wie im Bösen.
Will man den neuen Besuchern glauben, die an manchen Tagen in Scharen ins schilfgedeckte Dörfchen kommen und dann bald den gepflegten Zustand der Häuser, die besondere, von den jetzigen Bewohnern liebevoll weiterentwickelte Anlage allzu überschwenglich bestaunen, dann gibt es hierzulande wenige solcher Ortschaften. Daran ist sicher eins wahr: Es gibt wenige solcher Dörfer in Deutschland zu erkennen, denen die neuere Geschichte so nachdrücklich ihre Zeichen, sichtbare wie noch verborgene, eingebrannt hat. Es gibt noch weniger deutsche Dörfer, die auf solche Geschichte aufmerksam machen. Geranienkästen sehen sich eben besser an als Inschriften einer Epoche, die man noch heute lieber verdrängen möchte.
1982 stießen wir  bei der Vorbereitung der 800-Jahrfeier des Ortes auf erste Hinweise, die sich seit der Wende und plötzlich zutage getretenen Ansprüchen erschreckend und bedrohlich ausgeweitet haben.
Zwar gab es die mehr oder weniger lesbaren Inschriften über den Türbalken der Häuser:
„errichtet - Haus Hamburg - im 3. Jahre“,  „errichtet - Haus Kurmark - im 4.Jahre“ u.s.w.,
und das Wort „Musterdorf“ war manchen geläufig, aber eine lange verbreitete, noch immer wirkende, erkennbar inszenierte Legende vom „Olympia-Ruderer-Dorf 1936“ hatte sich mit nachhaltiger Unterstützung der Vorwende -Herren mehr als 55 Jahre gehalten.
Daß die Inschriften in den Türbalken, die auf deutsche Länder und Städte hinweisen, übermalt oder zugenagelt werden mußten, wurde mehr oder weniger widerspenstig oder gehorsam hingenommen. Wie konnte man auch zu Ulbrichts oder Honeckers Zeiten in
„Haus München“, „Haus Niedersachsen“ oder „Haus Hessen“,Haus Hamburg“, „Haus Heidelberg“ oder „Haus Schlesien“ wohnen?
Wie war das alles gekommen?
Alt-Rehse, dieses abgelegene Dorf mit heute 350 Einwohnern, liegt im südöstlichen Mecklenburg am Tollense-See.
Ursprünglich ein dem Kloster Broda bei Neubrandenburg lehnspflichtiges Bauerndorf, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit schon vor dem 30-jährigen Kriege in wirtschaftliche Not geraten. 1594 zog mit Adam Friedrich der erste evangelische Pfarrer ins Dorf. 1618 kam der „Große Krieg“ für „Olden Reeße“ anfangs nur mittelbar, und dann, während der Zerstörung Neubrandenburgs durch „Tyllis serbische und kroatische Mordbrenner“ (Grimmelshausen), wurde es wüst und leer. Brand, Raub, Folter und Entvölkerung zeichneten und zehnteten damals diese Landschaft. Den Rest besorgte später die Pest. Menschenleer wurde die Gegend und bald eine leichte Beute der umliegenden Junker, die dann das „Rittergutsdorf“ über 380 Jahre zum Teil als Lehen mecklenburger Herzöge, meistens aber als Zankapfel und Pfand von nacheinander 21 Familien besaßen. 200 ha gehörten lange Zeit der Kirche, die das Land nicht zu halten vermochte.
Auch die Franzosenzeit brachte nach den Berichten der Pastoren bitterste Not über das Dorf.
Es war ein Erblandmarschall Ferdinand v. Maltzahn, der auf seinen Gütern ( so auch in Alt-Rehse) als erster in Mecklenburg 1816 die Leibeigenschaft zum Teil wegen seiner Versprechungen im Kriege, zum Teil aus ökonomischen Gründen aufhob. Als dann 1848 die Revolution auch in dieser Landschaft schüchterne Versuche auslöste und ehe Fritz Reuter im Lande so richtig bekannt wurde, begann von hier, aus dem Pfarrhaus Alt-Rehse, der Siegeszug Reuter’scher Verse. Der durch die „Revolution“ in Neustrelitz arbeitslos gewordene Hofschauspieler Karl Kröpelin las vor Reuter und den Freunden, darunter der Gutsbesitzer Carl Otto Ferdinand Mercker, aus „Hanne Nüte un de lütte Pudel“.
Das hat „Uns Fritzing“ zu dem Ausspruch veranlaßt :“ Korl, dit hew ick gor nich schrewen!“
Kröpelin verdiente sich danach auf Vortragsreisen manch schönes Stück Geld damit.
C.O. F. Mercker, der seit 1857 Alt-Rehse bewirtschaftete, zeichnete sich besonders als kundiger Archäologe aus und entdeckte die „Brücke zu Rethra“ bei Wustrow.
1897 kauft die Familie v. Hauff das Gut Alt-Rehse. Im Gutspark, der nun zu einem noch heute ansehnlichen Landschaftspark umgewandelt wird, läßt der Freiherr Ludwig v. Hauff das „Schloß Lichtenstein“ errichten, das aber 1921 durch Brandstiftung zerstört wird. 1923 erbt seine Tochter Ingeborg das „Allodial-Gut“ Alt-Rehse, kann es mit wechselnden Verwaltern aber nicht halten, zumal die vorher reichlich geflossenen Geldquellen aus russischen Aktien 1917 versiegen. Sie will 1933 verkaufen, doch die notariell schon abgeschlossenen Verkaufsverhandlungen mit dem „Hartmann-Bund“, einem privaten Verband deutscher Ärzte, der von der neugegründeten „Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands“ (KVD) den Auftrag dazu bekommen hatte, scheitern am Einspruch des Bruders Hans Baron v. Hauff, eines adligen Tunichtguts, der sich in jener Zeit und noch später auf besondere Weise hervortut. Nachdem er seine Schwester auf verschiedenste Weise öffentlich aber erfolglos denunziert, schaltet sich aus Berlin Martin Bormann ein, und es kommt durch die mecklenburgische Landesregierung zur Enteignung. Der „Hartmann-Bund“, im Besitz eines gutgefüllten „Kampffonds“, zahlt auf Verlangen der KVD die Entschädigungssumme, die aber nicht einmal den Versicherungswert der Gebäude deckt. Zu diesem Zeitpunkt stehen in dem kleinen Gutsdorf neben Schloß, Gutshaus, Stallanlagen für Pferde, Kühe, Schweine und Schafe, die Kirche, Pfarr- und Küsterhaus, drei Vierfamilienhäuser und ein alter Katen, der zwei Familien als „Hüsung“ dient.
1934 beginnt im Park ein lebhaftes Bauen. Die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands verwirklicht die Idee des Reichsärzteführers und seines Stellvertreters Dr. Deuschl, eine „Führerschule für Deutsche Ärzte“ zu errichten. Unter Leitung des Chefarchitekten des „Hartmann-Bundes“, Hans Haedenkamp“, werden ab August 1934  22 „Lagerbauten“ errichtet, von denen die meisten – 3 Schlafhäuser für Ärzte, eine „Schulungsburg“, Turnhalle, Lehrerhäuser, Angestelltenwohnhäuser, die Wache am Eingang und das Schlacht -und Kühlhaus - bei der Eröffnung am 1.6.1935 fertig sind.
Gleichzeitig werden die erst 1928 neu gebauten Vierfamilienhäuser geschleift und an ihrer Statt 22 Fachwerkhäuser teils als Einzelgehöfte, teils als Doppelhäuser aufgerichtet.
So zeigt sich den Gästen der Eröffnung der Beginn eines Musterdorfes, das bis 1939 fertiggestellt wird. Nur der schon aus 1717 stammende Katen wird nicht abgerissen, sondern zu einem Dorfkrug umgebaut. Haedenkamp bittet Wossidlo um Mitteilung von plattdeutschen Sprüchen, die dann, zum Teil in die Deckenbalken des Dorfkruges gehauen, zum Teil in Balken der Schulungsburg gebracht, Gäste und Schulungsteilnehmer auf Bodenständigkeit und bäuerliche Tradition hinweisen sollen. Zur Eröffnung der „Führerschule“ erscheint hohe Prominenz des „Großdeutschen Reiches“.
Die Bewachung und das Regiment übernimmt die SS, deren Fahne am Eingang zum Park über dem in Balken gehauenen Sinnspruch “
Meine Ehre heißt Treue“ weht.
Von nun an finden regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen für Jungärzte, Amtsärzte, Medizinalpraktikanten, Hebammen, aber auch für Ärztedelegationen aus dem Ausland statt, die sich begeistert über das „neue System des Gesundheitswesens“ äußern.
Ein großzügig angelegter Sportplatz, die Turnhalle, eine Badeanstalt sowie Segelbootshafen mit Sonnendeck sorgen für die nötige Stimmung unter den Lehrgangsteilnehmern. Vom großzügig und modern ausgebauten „Ärzte-Gut“ werden alle über eine Gemeinschaftsküche in der Schulungsburg versorgt. Gleichzeitig dient das Gut gemeinsam mit anderen, teils Bormann gehörenden, teils der NSDAP (Neu-Rhäse) eigenen Gütern im Rahmen der „Güterverwaltung Nord“ zur zusätzlichen Versorgung der Reichskanzlei, des Führerhauptquartiers und anderer Einrichtungen  der SS und NSDAP. „ Die Verpflegung, wegen deren ich seinerzeit mit Ihnen sprach, betraf hauptsächlich die Lieferung von Eiern und Fleischwaren für das Führerhauptquartier - - -.“ ( Bormann am 29.6.41 an Darre).
Der schöne, ganz in Anlehnung an den englischen Landschaftsstil gestaltete Park gibt mit seinem herrlichen alten Baumbestand, seinen Durchblicken zum See, seinen Lindenalleen und dem durch die letzte Eiszeit geformten Relief den harmlos-freundlichen Rahmen für die Inhalte der Lehrgänge, deren wesentliche, immer wiederkehrende Themen sich in vier Hauptrichtungen zusammenfassen lassen: 1. Erbbiologie und Rassenhygiene, 2. Euthanasie, 3. der Arzt als Führer und Erzieher des deutschen Volkes und  4. Die systematische Vorbereitung auf die Lösung der Judenfrage. Bis Anfang 1943 finden Lehrgänge statt, dann übernimmt das Gelände ein Heeresreserve-Lazarett. Als Ende April 1945 der Russe kampflos das Gelände einnimmt, wird bald danach auf Befehl Schukows die Bevölkerung evakuiert, das gesamte Gelände hermetisch abgeriegelt, und ein eifriges Suchen nach den versteckten Geheimnissen beginnt.

 

So erhalten erst im Juli 1946  36 landlose Gutsarbeiter und Vertriebene auf Weisung der SMAD in der verspäteten Bodenreform Land und Wald, während der Park, 1947 von den Russen freigezogen, zum Kinderwaisenlager bestimmt wird, für das nun auch zwei größere Bodenreformstellen zur Verfügung stehen. Ab Dezember 1948 leben Waisenkinder aus Ostpreußen und Hinterpommern, Westpreußen und Danzig, Mecklenburg und Vorpommern im „Kinderdorf  Alt-Rehse“ und lernen allmählich wieder spielen und lachen. Damit erhält diese Parkanlage ihre würdigste und humanste Bestimmung.
Ab 1952, das Kinderdorf ist nach Schwerin-Zippendorf umgesiedelt worden, zieht in den Park ein „Institut für Lehrerbildung“. Sportstudenten werden ausgebildet, die „HSG Wissenschaft Alt-Rehse“ gegründet. 1955 übernimmt für ein Wachbatallion das Ministerium f. Staatssicherheit das Gelände, in dem die Hochschule des Ministeriums einziehen soll. Doch zieht Ende  1958 die NVA ein. Der Park wird mit dem wiederholt umgebauten Schloß Gästesitz des jeweiligen MB V (Militärbezirk 5)-Chefs. Ab 1978 beginnt in den Westhängen des nun 65 ha großen, zum Teil enteigneten Bodenreformgeländes ein geheimnisvolles Bauen. Bunker werden in die Hänge gelegt, ein elektrisch geladener Hochsicherheitszaun umspannt ca 40 ha, so daß sich bald Unruhe und Angst breit machen, weil der Gedanke an ABC-Waffen aufkommt.

 

Das "Kinderdorf Alt-Rehse" 

Niemand, der mit wachen Augen und der Landschaft aufgeschlossenem Herzen diesen großen, stillen lange geschlossenen Park erlebt hat, kann sich wohl dem Gedanken verschließen, daß dieses weitläufige Gelände seine schönste und vornehmste Bestimmung erlebt hatte, als das zentrale Vertriebenenwaisenlager Meklenburgs, das „Kinderdorf Alt-Rehse“ den vielen Vertriebenen-Vollwaisen und dazu einigen Kindern aus zerrütteten Familien dank der Volkssolidarität eine ruhige Heimstatt bot.
Jene vielfach vom Krieg und seinen Folgen unschuldig gestraften und beschädigten Kinder fanden hier einen Platz, an dem sie, in kleinen Familien, geleitet von jungen „Müttern“, Mädchen und jungen Frauen, die manchmal selbst Vertriebenenwaisen waren, wieder spielen und lachen lernten. Sie hatten die Schreckensfahrt über die Kurische Nehrung überstanden, waren vom blindwütigen Geschosshagel russischer und amerikanischer Tiefflieger auf die endlosen Trecks unbeschadet davongekommen, waren nicht von russischen Panzern überrollt und zermalmt worden, hatten den Untergang der Wilhelm Gustloff oder anderer Flüchtlingstransporter überlebt – nur: sie hatten ihre Eltern, Großeltern und oft die Geschwister bei all dem fürchterlichen monatelangen oder plötzlichen Grauen verloren und waren danach hin– und hergestoßen worden. Es hatte ihre Gesichter und Gedanken unübersehbar geprägt.
Damals war es, als würde dieser alte Park mit seinen Bäumen und Büschen, den Wiesen und Hängen bis zum See hin aus dem Dämmerschlaf einer siebenjährigen unseligen Bestimmung und der folgenden Mißachtung und Randale der fremden Soldaten erwachen und zu leben beginnen. Wer damals durch den Park ging, dem wurde nachdenklich bewußt, was dieser Naturreichtum in seiner fürsorglichen Ruhe und hegenden Wärme für die Herzen und Sinne der unschuldig Gestraften bedeutet haben mag.
Es war die neu gegründete „Volkssolidarität“, die unter Leitung eines Herrn Roßberg und mit Unterstützung des Arztes Prof. Maxim Zetkin, eines Sohnes der Reichstagsabgeordneten Klara Zetkin, diesen Park für die Kinder herrichtete, obwohl es an allen Enden fehlte und viele Gebäude die Schäden der Besatzung trugen. Am 1. 10. 1947 erfolgte durch die SMAD in Berlin-Karlshorst die Übereignung des Parks an die Volkssolidarität der SBZ (sowjetische Besatzungszone). Dabei wurden 16 Gebäude, davon 11 noch erhalten und 5 durch Feuer zerstört, übergeben.
Am 22.1.1948 fragte die „Zentrale Deutsche Kommission für Sequestrierung und Beschlagnahme in der SBZ“ in Schwerin an, ob dort anderweitig über das Gelände verfügt wurde. Darauf wurde im März 1948 der Volkssolidarität das Gelände endgültig für ein Kinderheim zur Verfügung gestellt. Der lange Weg bis zur Eröffnung des Kinderdorfes, die Unsicherheiten in der Zuordnung, ja der Streit um diese Immobilie sind nur teilweise in den Dokumenten erkennbar. Es zeigt sich aber darin zumindest die Ungewißheit, was es eigentlich mit dieser „Führerschule“ auf sich hatte, obwohl sie laut alliierten Beschlüssen als „NS– und Kriegsverbrechereigentum“ enteignet worden war, wie aus den Listen darüber zu entnehmen ist.
Wer weiß aber, was mit Schloß und Schlafhäusern, mit Kirche und Dorf geschehen, wenn der Befehl des Marschalls Schukow nach seinem Besuch im Mai 1945, wonach alles zu sprengen sei, wenn seine Truppen abrückten, wahr gemacht worden wäre?
Waren nicht zahllose Herrenhäuser im Osten Deutschlands teils aus Rache gesprengt, teils aus betrunkenem Übermut abgefackelt, oder, „um endgültig die Wurzeln des Junkertums zu beseitigen“, zerstört worden? Stattdessen kamen aus Schwerin, Schukows Stern als „Feuerwehr Stalins“ begann zu sinken, denn er war Stalin nicht mehr notwendig, andere Weisungen. Vielleicht hat jener Befehl, der die Einrichtung eines Vertriebenenwaisenlagers anordnete, Park und Dorf gerettet. Denn der Befehl zuvor, die Häuser zu verlassen, da das Schloß gesprengt werden sollte, war gegeben und nur durch das Kommando eines Obersten Trufanow der SMA Schwerin zurückgenommen worden.

„Sic transit gloria mundi!“ (So wandelt sich der Ruhm der Welt.)

Am 1.1.1951 wurde die Landesregierung Mecklenburg, Ministerium für Volksbildung Schwerin, der Rechtsträger der gemäß SMAD-Befehlen 124 und 126 vom 30. / 31. 10. 1945 sequestrierten und konfiszierten Vermögenswerte der KVD. Zuvor war am 31.12.1950 der bisherige Treuhänder, der Zentralausschuß der Volkssolidarität Berlin, abberufen worden.

So lebten, lernten und spielten ab Dezember 1948 kleine und größere Vollwaisen, nicht selten mehrere Geschwister, die auf Flucht oder Vertreibung die Eltern verloren oder von ihnen getrennt worden waren, in dem schönen alten Gutspark unter den hohen Bäumen, wohnten in den vom Brand verschonten Häusern und bezogen später zwei wieder aufgebaute, hatten zwei Badeanstalten für sich und konnten das Schloß, die Turnhalle und den modernen Sportplatz nutzen. Für die Selbstversorgung des Kinderdorfes hatte ein Gärtner Kempe schon 1948 am Hang unterhalb des Schlosses und beim „Friesenhaus“ begonnen, Obstbäume zu pflanzen. Äpfel wie den Kaiser-Wilhelm-Apfel, von dem wohl kaum noch jemand weiß, daß ein schon marktwirtschaftlich denkender Volksschullehrer im ausgehenden 19. Jahrhundert seine Neuzüchtung dem damaligen Kaiser Wilhelm II. widmete und so zum guten Absatz dieser überaus wohlschmeckenden und lagerfähigen neuen Sorte beitrug, dazu die „Landsberger Renette“, die „Clivia“ und andere bekannte Sorten. Birnen wie die „Prinzessin von Paris“, Herbstpflaumen und Kirschen blühten nun und trugen ihre Früchte für diese Kinder. Eine Süßkirschenplantage war am Westhang des Dorfes beim Park im Entstehen.
Frauen aus dem Dorf kochten in einer Großküche im zerstörten „Gemeinschaftshaus“ sowie im „Fliederhaus“. Zehn „Mütter“ betreuten mit drei Lehrkräften und einer „pädagogischen Leiterin“ in sieben Häusern sowie dem Schloß und in einem dort untergebrachten Kindergarten anfangs 62 – später 125 Kinder.
Hier in Alt-Rehse gingen die Waisen und ein paar Kinder aus zerrütteten Familien Meklenburgs zur Schule, lernten unter der gestrengen Fürsorge der Lehrerin Frau Ziemen und später durch ihren Lehrer Montkowski das ABC und das Einmaleins, wurden noch großenteils konfirmiert oder kamen schon vereinzelt zur Jugendweihe. Teilweise waren auch sehr junge Erzieherinnen, oft noch selbst – teilweise erst 16jährig - in der Ausbildung, mit der Betreuung beauftragt.
Der Befehl der SMA Schwerin hatte fürsorglich zwei Bodenreformwirtschaften von 12,02 ha und 13,30 ha für das Kinderdorf zur Verfügung gestellt, die von zwei sogenannten Umsiedlern, also Vertriebenen, bewirtschaftet wurden, so daß auch so die Ernährung gesichert war. Allerdings berichten immer wieder ehemalige Bewohner dieses Kinderdorfes, daß ihre Ernährung längere Zeit durch regelmäßige Lebensmittel-Spenden der Amerikaner ganz erheblich vervollständigt wurde und gut war.So gut, daß sie erheblich besser lebten, als die Kinder des Dorfes.
Allmählich leerte sich das Waisenheim. Einige hatten das große Glück, Eltern, größere Geschwister oder Verwandte mittels des Deutschen Roten Kreuzes wiederzufinden, einige wurden von Pflegeeltern angenommen, andere kamen in die Lehre, und so wurde der Park mit seinen Häusern, von denen einige wie das große Gemeinschaftshaus erst nach 1950 bis 1952 wieder aufgebaut waren, zu groß. Das Kinderheim zog nach Schwerin-Zippendorf um, doch die Kinder wurden auf verschiedene Heime aufgeteilt. Bald brannte das vorgesehene Gebäude in Schwerin ab und diese Kinder standen wieder auf der Straße. Niemand fühlte sich in der Stadt für sie zuständig; ehe dann die Kasernierte Volkspolizei Schwerin Busse bereitstellte, sich der heimatlosen Kinder annahm und sie in ein anderes Wohngebäude fuhr, damit ihnen ein Dach über dem Kopf Obhut bot. So hörte der Park auf, stilles, fürsorglich-behütendes Obdach und Zuhause für schwergeprüfte Waisen zu sein. Doch sehr viel später, erst lange nach der Wende mußte eine westberliner Geschichtslehrerin kommen, um, vermutlich von Fastfood-Wissen gesättigt, uns das neueste Gerücht über das Kinderdorf zu vermitteln. Es sei, so meinte sie, das „Kinder-KZ“ der DDR gewesen. Ein aus Westdeutschland zum Aufschwung Ost verpflichteter Rundfunkverantwortlicher im NDR konnte sein vermeintliches Wissen um die Geschichte auch nicht zurückhalten und erwartete in Berichten über das Kinderdorf, die der Rundfunk senden sollte, die damalige angebliche „kommunistische Indoktrination“ der Waisen vorzufinden.
Bedarf das eines Kommentars?
Im Mai 2003 trafen sich auf Anregung ihrer ehemaligen Lehrerin A. Ziemen und dank der Organisation des einstigen Lehrers und Historikers Montkowski noch Lebende und Erreichbare für ein paar erinnerungsschwere Stunden im alten, einst so vertrauten Gelände. Es waren für alle Beteiligten bewegende Begegnungen, und man ging nach gemeinsamer Mahlzeit mit dem Versprechen auseinander, in längstens zwei Jahren wiederzukommen. Im September 2005 feierten Mitarbeiter und Angehörige der Volkssolidarität unter Leitung der Witwe des Kinderdorf-Begründers, Roßberg, mit Zeitzeugen und einer Kranzniederlegung am Sühnestein den 60. Jahrestag dieser Organisation. So war durch dieses Kinderdorf der Volkssolidarität der von den Jahren zuvor geschändete Park wieder zu seinem eigentlichen Sinn zurückgekehrt, sich in Ruhe, Frieden und seiner unaufdringlichen stillen Schönheit für die Menschen zu zeigen.
Er hatte einen Teil seiner Würde durch dieses Kinderdorf und dessen unschuldig gestrafte, hier zu neuem Leben erweckte Bewohner zurückgewonnen.

Mit der Wende und dem Auftreten der Bundeswehr, die den Park und die Bunker übernimmt und sofort den Starkstrom ausschaltet, bahnen sich, ganz allmählich, erträglichere Verhältnisse an.
Die Gemeindevertretung kann die Bunker besichtigen und sich von der relativen Harmlosigkeit militanter Monstrosität an diesem Ort überzeugen, das jahrzehntelange Trauma in den Köpfen beenden. Nun finden bald Veranstaltungen, teils gemeinsam mit der Bundeswehr, im Park statt, Führungen werden erlaubt, der Kindergarten geht dort wie selbstverständlich spazieren, ein Teil des Sicherheitszaunes wird von ABM-Kräften zum Nutzen des Dorfes abgebaut.
Im Dorf geht  es sehr zögerlich weiter. Insgesamt 110 Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und bei der NVA gehen verloren,  und kurz nach der Wende werden Ansprüche der Nachfolger der KVD ( anfangs nennen sie sich „Zwangserben“) immer lauter.
Es folgt ein jahrelanger schwerer Weg für das Dorf und seine Vertreter. Bald darauf kommt es zum Wechsel an der Spitze der mecklenburg-vorpommerschen KV. Der neue Vorsitzende Dr. Eckert erklärt sofort seine Bereitschaft zu außergerichtlichen Verhandlungen mit der Gemeinde, und so treffen sich im April 1997 in Alt-Rehse endlich alle Beteiligten, um über Vertragsverhandlungen zu einer gütlichen Einigung zu gelangen. Vorsorglich, und um der Jugend eine Sportmöglichkeit zu bieten, hat die Gemeinde einen Teil des Bunkergeländes gepachtet, auf dem in kurzer Zeit in Eigenleistung der Jugendlichen ein interessantes, allgemein anerkanntes Mountain-Bike-Stadion entsteht. Schon mit Beginn der Streitigkeiten um das Dorf und den Park hatten wir Überlegungen angestellt, was aus dem weitläufigen Gelände mit seinen historischen Gebäuden einmal werden könnte, ehe wir dann im Sommer 1995 der Staatskanzlei in Schwerin die Idee einer Stiftung antrugen. Da mittlerweile der Auszug der Bundeswehr aus Alt-Rehse am Horizont erkennbar wurde, mußte eine für alle Seiten tragbare Lösung gefunden werden. Das konnte eine Stiftung sein, die von den deutschen Ärzteverbänden, dem Bund, dem Land und der Gemeinde getragen, von Historikern und Philosophen begleitet, möglicherweise sogar auf EU-Basis agierend, der Forschung zu Fragen ärztlicher Ethik und Moral ebenso diente wie der erinnernden Forschung.
Außerdem sollte die Möglichkeit der ärztlichen Fortbildung geprüft werden. Nur auf diesem Wege war daran zu denken, den in Unterhaltung, Pflege sowie Bewachung (Sicherung) aufwendigen Park zu tragen. Daß ganz nebenher, aber natürlich nicht nebensächlich, auf diesem Wege Arbeitsplätze geschaffen würden, scheint verständlich.

Schon vor Gericht in Greifswald  im Frühjahr 1996 trug die KV  diese Idee als eigenes Gedankengut vor, und sie ließ dadurch erkennen, daß man den Plan durchaus weiterverfolgen konnte.
Nun ist inzwischen der Auszug der Bundeswehr erfolgt, und für das Dorf werden naheliegende Sicherheitsinteressen aktuell. Fast 5 km Zäunung und ca. 500 m ungesicherte Uferkante am Tollense-See sind ohne Bewachung nicht vorstellbar.

Als vor einigen Jahren ein Herr Schönhuber die Absicht hatte, im Park seinen Landesparteitag der REP abzuhalten, da wußte er um den Symbolgehalt der Stätte. Es konnte nachdrücklich verhindert werden.
Trotzdem besteht weiter die Gefahr, daß extremistische Elemente von rechts oder links das Gelände für ihre wirren politischen Zwecke zu mißbrauchen suchen. Daneben würde ein solches ungesichertes und ungenutztes Gelände bald ebenso zum Tummelplatz für allgemeine Randale werden, wie wir es z.B. von Schloß Klink an der Müritz oder ähnlichen Orten voller Entsetzen erlebten. Der Zustand der immer wieder zugeschweißten Bunkeranlagen am Rande des Parks läßt ahnen, was passieren könnte. Die Bundeswehr, vor nicht allzu langer Zeit noch im Schmuck der Anlage präsentierend, ist wohl mittlerweile froh, das unangenehme Territorium verlassen zu haben. Davon zeugte nicht nur die verschämt-verharmlosende Bezeichnung „Die Scheune“ für die ehemalige „Schulungsburg“ der Führerschule, sondern zeugen auch die Widersprüchlichkeiten um einen von uns gewünschten „Täter-Erinnerungsstein“ und den Bubis-Besuch im März 1998.

Ob man sich einigen wird hinsichtlich der Frage, wem das Parkensemble kostenlos oder gegen Entgelt vom Bundesvermögensamt zugeordnet werden soll, davon wird die Zukunft dieses noch immer beeindruckenden „Hauff’schen“ Landschaftsparks, der denkmalgeschützten Gebäude um Schloß „Lichtenstein“ und der Entwicklung der Gemeinde Alt-Rehse abhängen. Eine weitere Verschleppung, um möglichst viel Einnahmen für das Ensemble zu erzielen, würde nicht nur das gesamte Ensemble gefährden, die Unterhaltskosten für die Dauer der Ausschreibungen ins Untragbare auflaufen lassen, er hätte auch fatale Folgen für den inneren Frieden der Region. Inzwischen hat die Mehrzahl der deutschen KV en erklärt, kein Interesse an der Nutzung des Parkes zu haben. Man will den Erlös.
Sollte es aber wider Erwarten doch zu einer baldigen Einigung und zur denkbaren Errichtung einer Stiftung im vorher beschriebenen Sinne kommen, so müßten alle Beteiligten dafür Sorge tragen, daß Forschung und Erinnerung nicht zu kurz kommen und stattdessen eventuell dem „Erholungsgedanken“ Vorschub geleistet würde. Erinnerung an das, was von hier ausging, an dessen unheilvolle Folgen, an denen die deutsche Ärzteschaft nicht zum Wenigsten beteiligt war, aber auch Erinnerung und Forschung zu Fragen der ärztlichen Ethik und Moral, wie sie damals gebrochen, heute in veränderter Form wieder in Frage stehen ( es muß zuerst an Euthanasie, aber auch an Rassenhygiene, an Menschenversuche u.a. mit Kinderdoping zu Sportzwecken, an Verbrechen in der Psychiatrie, an Gentechnik u.a. gedacht und erinnert werden).
Nur wenn auch andere, nichtmedizinische Disziplinen, wenn die Gesellschaft eine solche Stiftung kontrollieren und in ihr mitwirken will, kann das Ziel verwirklicht werden und ein erkennbarer Wandel für die Zukunft im ehemals belasteten Gelände eintreten.
Doch da die Bundeskassenärztliche Vereinigung gegen eine solche Idee ist, bleibt für die Zukunft nur eine touristische Lösung, die zugleich Zentrum des Tourismusgeschehens an Tollense-See und Lieps sein könnte. Dabei dürften Erholung, Sport und Gesundheit im Mittelpunkt stehzen. In diesem Falle sollte die neu eingerichtete Ausstellung des Vereins EBB Alt-Rehse endgültig ihren Platz in dem dörflichen Gutshaus finden und dort auch für Erweiterung gesorgt werden.

 

Das Geheimnis unserer Erlösung ist die Erinnerung.

 

So steht es auf dem Stein im alten Alt-Rehser Gutspark, jenem Gelände, das in den Jahrzehnten seit seiner Entstehung mehr als andere Parkanlagen rundum von widersprüchlichster Geschichte ebenso wie von Legenden berührt und belastet, geformt und verleumdet worden ist.

Bevor von der Gemeinde der Stein vor die einstige „Schulungsburg“, das Gemeinschaftshaus der „Führerschule für Deutsche Ärzte“  1998 zur Mahnung und Erinnerung gesetzt wurde, hatte Richard v. Weizsäcker 1990 diesen in Israel stehenden und vermutlich aus der Thora stammenden Spruch in „Das Geheimnis unserer Freiheit ist die Erinnerung“ umgedeutet.

Doch das greift viel zu kurz. Ebenso zu kurz wie die andere Umdeutung eines früheren Bischofs der evangelischen Kirche Mecklenburgs, der meinte, es müsse richtiger heißen:“ Das Geheimnis unserer Erhörung ist die Erinnerung“.

Erhörung ist doch wohl eher ein Schritt, ein Abschnitt auf dem Wege zur Erlösung.

„Erlöse uns von dem Übel“ heißt doch nicht: Nimm es uns weg, weil es uns stört, uns lästig ist.

Es heißt doch vielmehr: „Hilf uns, daß wir es schaffen, aus diesem Übel als Menschen herauszukommen, weil wir es erinnernd erkennen. Eine Art Hilfe zur Selbsthilfe.

Und dann können wir uns von dem Übel befreien, können endlich erlöst werden, aber nicht im Sinne von Vergangenheitsbewältigung – denn Vergangenheit läßt sich nicht bewältigen, sie läßt sich erkennen, muß, wenn wir frei und erlöst werden wollen von der Last, von uns aufgearbeitet werden, auch notfalls von den Nachgeborenen, wenn die Beteiligten es nicht konnten oder nicht wollten!

Doch solche Aufarbeitung muß chronologisch und im Wissen um die Zusammenhänge und Hintergründe erfolgen und nicht, wie es uns gerade so ins politische Kalkül paßt. Und sie muß umfassend und historisch wahr, gerecht sein, denn nur Gerechtigkeit schafft auf Dauer Frieden.

Da hilft auch keine „Gnade der späten Geburt“. Denn für mich gilt: ich bin nicht dabeigewesen, aber ich habe dazugehört. Wer zu diesem Bekenntnis nicht bereit ist, der sollte besser davon lassen, auf Schiller und Heine, Beethoven und Mendelsohn-Bartholdy, Lucas Cranach und Max Liebermann stolz zu sein.

Doch Freiheit? Da bin ich im Zweifel, zumal die Bundeskanzlerin Merkel in ihrer zu nüchternen, zu leidenschaftslosen Regierungserklärung mit ihrer Forderung „mehr Freiheit wagen“ begründete Zweifel aufkommen läßt.

Mehr Freiheit wagen? Und welche Freiheit? Wessen Freiheit?

Etwa jene neue neoliberale Freiheit, die keine Grenzen, kein Maß mehr kennt, keine gesetzliche noch selbstauferlegte moralische Beschränkung? Die nur noch im eigenen Fortkommen, dem Ich, der schrankenlosen Gier nach möglichst hohem Profit oder nach Macht lebt?

Ist deshalb plötzlich die maßlose machtbesessene Preußenhasserin Katharina die Große Vorbild statt der Preußin Luise, die noch immer oder sogar wieder mehr im Gedenken der Menschen lebt? Wie wäre es, denke ich, wenn die Frau Bundeskanzlerin in einer stillen Minute den Brief der Königin an ihren Sohn, den nachmaligen König Friedrich Wilhelm IV. lesen würde?

Es wäre ein gutes Zeichen, wenn sie nach Hohenzieritz – dicht bei Alt-Rehse – käme, um dafür zu sorgen, daß der von den Russen blindwütig zerstörte Sarkophag, für dessen Erneuerung bisher unter der rot-roten Regierung Mecklenburgs kein Geld da war, endlich wieder im Sterbezimmer seinen Platz finden würde *. Zugleich könnte die neue hohe Frau über Leben und Wirken einer preußischen Königin nachdenken und brauchte nicht so weit zu greifen. Aber preußisch wie Goerdeler, v. Treskow, v. Stauffenberg, v. Moltke und deren Mitstreiter und später H.-J. Schoeps, Schumacher, Vera Lengsfeld und zunehmend mehr sich um das Vaterland sorgende denken, das sollte endlich wieder Sinn und Zweck im Leben werden? Wird solche gegenwärtige Regierung über ihren Schatten hinauskommen?

Aber noch mehr „Freiheit“ – und für wen? Etwa noch mehr neoliberales amerikanisches Unternehmertum vorbei an Gesetz, Sitte und Moral wie in den jüngst bekanntgewordenen und immer mehr ausufernden Skandalen um Lebensmittel und da vor allem um Fleisch?

Angesichts der Spitze eines zu vermutenden Eisberges von kriminellen Exzessen in falsch verstandener, über jedes Maß menschlicher Vernunft ausufernder sogenannter „Freiheit“ in vielen Bereichen, wo es um Macht, Geld, Gier, also Unmoral geht, sollte eher die Mahnung stehen, daß wir zu dem Grundsatz des Pommern E.M. Arndt zurückkommen, der forderte, daß „ der eigentliche Begriff politischer Freiheit die höchste und ausnahmslose Herrschaft des Gesetzes“ ist, das wir Menschen uns gegeben haben.

Sind etwa unsere Gesetze mangelhaft, gar falsch?

Und was hatte uns Gustav Radbruch zum Gesetz gelehrt:“ Der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit muß so unerträglich sein, daß das Gesetz als „unrichtiges Recht“ der Gerechtigkeit weichen muß.“

Waren wir in den jüngst bekanntgewordenen Übertretungen der Gesetze wirklich gehalten, von „unrichtigem Recht“ zu sprechen, oder ist es nicht vielmehr so, daß die Laschheit und mangelnde Verantwortung der Justiz gegenüber dem Recht es vor allem Kriminellen in nahezu jedem Bereich erst möglich macht, sich über das Recht, über die Gesetze hinwegzusetzen?

Wie hatte es Montesquieu gefordert:“ Die politische Freiheit besteht nicht darin, zu machen, was man will. In einem Staat, d.h. in einer Gesellschaft, in der es Gesetze gibt, kann die Freiheit nur darin bestehen, daß man tun kann, was man wollen muß, und nicht gezwungen zu sein, zu tun, was man nicht wollen darf.“

Und da komme ich zwangsläufig zu einem Grundsatz der Politik, der mitunter vergessen scheint:

“ Nur wer auch als Mensch seiner Verantwortung genügt, kann Vorbild sein.“

Es kann nicht sein, daß der arrogante Ausspruch Napoleons bei Politikern immer mehr Platz und Anspruch findet:“ Wer immer der Republik dient, darf sich auch an ihr bereichern.“

Denn dann haben wir jetzt im Exkanzler Schröder das beredte Beispiel, wenn ich an sein kenntnisreiches Wirken für einen Schweizer Verlag oder an die neue, vermutlich gut bezahlte Tätigkeit in russischem Auftrag denke.

Was hatte E.M. Arndt uns zur politischen Freiheit gesagt:“ Und mit Recht halten die Menschen, welche sich auf Freiheit verstehen, den Staat besser und glücklicher, wo schlechten (mangelhaften; d.V.) Gesetzen ohne Ausnahme gehorcht wird, als jenen anderen, wo Eigenmacht oder Mutwille gute Gesetze nur zuweilen überschreiten dürfen.“

Sind wir darüber hinweg? Ist das etwa altmodisch, von gestern, so altbacken, wie man zu gern eine preußische Leitkultur aus liebgewordener „political correctness“ darstellen und damit abtun will?

Dann hören wir uns doch einmal Matthias Claudius an, was er seinem Sohn Johannes in dem wunderbaren, vermächtnisgleichen Brief dazu ans Herz legt:“ Und der ist nicht frei, der  da will tun können was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll.“ Das ist im guten, im friderizianischen Sinne preußisch gedacht.

Ist es wirklich Freiheit, was sich große Teile der sogenannten „4. Gewalt im Staate“, der Medien, gegenüber dem Staat wie den Menschen herausnehmen? Wer erlaubt den Medien in nahezu schrankenloser „Freiheit“ die Moral zu untergraben, die Seelen der Heranwachsenden mit Horror, Schund und der ausufernden Darstellung von Sex und Gewalt zu zerstören, nicht zuerst zu erziehen, zu bilden, sondern die Neugier nach dem Abartigen zu fördern, zu befriedigen?

Ist das Freiheit, wenn Gesetze, Normen des Zusammenlebens rücksichtslos mißachtet und nahezu bedenkenlos im Namen dieser vorgeblichen Freiheit übertreten, mit Füßen getreten werden dürfen?

Fleischskandale, Lebensmittelverfälschungen, Verdrehungen, Globalisierung zu Lasten allzu liberaler, freiheitlicher Länder, wo diese Freiheit, die man durchaus auch Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit, ja Hohn auf die Tugenden der Nation nennen kann, dann zunehmend mißbraucht wird; Tugenden, die einen Aufschrei bei jenen „Freiheitsaposteln“ auslösen, die beim Wort von der „unbewußten Leitkultur Preußen“ histerische, nicht historische Zustände kriegen?

Freiheit, ja! Überall dort, wo Engstirnigkeit, sinnloser Bürokratismus, Bigotterie jede vernünftige Entwicklung behindern. Doch wo das Gesetz übertreten wird, da hat der Staat, haben seine mehrheitlich gewählten Vertreter die Pflicht einzugreifen und dem Recht mit allem Nachdruck Genüge zu tun.

An alles das – und noch weit mehr - wie Vergangenheit, Versagen und Schuld zu erinnern, dazu soll der Stein im Park mit seinem Spruch dienen, steht doch in ihm ein Teil des VATERUNSERS – „erlöse uns von dem Übel“ und nicht nur von dem jeweils in uns schlummernden oder bittere Wirklichkeit gewordenen Bösen.

                                                Dr. Wolfgang Köpp

 

*(Nachtrag: gerade war zu lesen, daß ein ungenannter Spender es ermöglicht hat, daß eine Nachbildung des Sarkophags der Königin Luise durch den Bildhauer Walter Preik aus Waren im Sterbezimmer in Hohenzieritz wieder gezeigt werden kann.)


 

Die Geschichte der Gemeinde Alt-Rehse - Ort Wustrow

 

Es gibt leider sehr wenige Quellen, auf die sich aufbauen läßt, will man die Geschichte dieser durch archäologische Forschungen und früheste geschichtliche Ereignisse genannten, so überaus interessanten und zugleich geheimnisvollen Landschaft ergründen.
Die teilweise aufsehenerregenden Geschehnisse um den Nachbarort Alt-Rehse ( das reze des Mittelalters, vermutlich nach dem „rethre“ der Chronisten benannt), haben, besonders in der jüngeren Zeit, Wustrow in geschichtliches Dämmerlicht zurücksinken lassen.
Das geschah sicherlich zu Unrecht, wie alte Chroniken aus der Slawenzeit ebenso, wie die leider wenigen Sach- und Schriftzeugnisse aus neuerer Zeit belegen.
Stumm, aber unübersehbar ragt der „Spitze Hügel“, das sagenhafte bronzezeitliche Hügelgrab oberhalb des Dorfes aus der stark hügeligen Endmoränenlandschaft. Neben der Straße Wustrow - Siehdichum gelegen und seit langem von den Einwohnern und Landkundigen liebevoll wenn auch falsch als „Wendenkönig“ bezeichnet, mahnt er die Geschichte dieses Raumes an und läßt über Vergänglichkeit und Ursprünge nachdenken. Es ist – bestenfalls – aus vorgermanischer Zeit, nicht, wie H. Boek und andere meinen, ein germanisches Hügelgrab, noch weniger aber ein slawischer Grabhügel. Doch neben diesem besonders bemerkenswerten Hügelgrab gibt es im Wustrower Raum noch zahlreiche andere Denkmale, so in den bewaldeten Schluchten und auf den Hügeln oberhalb der Lieps, dazu die seltenen Schälchensteine und manch anderes Zeugnis menschlicher Besiedlung, die in diesem wild- und fischreichen Raum wohl bald nach dem Rückgang der letzten Gletscher der pommerschen Phase der Weichselkaltzeit, also vor rund 10 000 Jahren einsetzte.

Damals hatten die Gletscher mit ihrem abschmelzenden Wasser ebenso Rinnen gebildet, wie sie zuvor mit unter dem Gletscher liegenden Strömen tiefe Schluchten in das vielgestaltige Endmoränenland gespült und kleine Höhenrücken angetragen hatten.
So entstand das Tollense-See - Becken und die flache Senke davor, in die sich viel später erst die Wasser des im späten Mittelalters mehrfach gestauten großen Sees ergossen und um die herausragenden Inseln spülten. Die sich rasch erwärmende Flachwasserzone der Lieps-Senke mit ihrem Fischreichtum lockte zur Ansiedlung; auf den inselartigen Erhebungen war man vor feindlichen Sippen sicherer. Brücken, noch heute an den Pfählen im Wasser nachweisbar, verbanden diese Inseln mit dem umliegenden Festland und so entstanden allmählich mit dem Erstarken der wendischen und pommeranischen Slawensippen burgähnliche Anlagen, Handwerk und Gewerbe siedelten sich an, und ein großes slawisches Heiligtum trug in der Folgezeit mit Priestern und dem slawischen Adel die erstarkende Macht mehr und mehr in das Umland.
Da konnte es nicht ausbleiben, daß deutschen Fürsten und Königen, endlich auch den aufeinander folgenden drei Ottonen diese starke slawische Machtkonzentration im Wege war, zumal sie sich, heidnisch geführt von den Priestern des Sohnes des slawischen Sonnengottes, Swarozic, dem christlichen Anspruch entgegenstellte.
Wohl waren die einzelnen slawischen Sippen und Stämme, die Obotriten, Wilzen, Redarier, Tollenser, Liutizen, Moritzaner, Zirzipanen und wie sie alle hießen, untereinander zumeist uneins und oft zerstritten, doch wurden sie, je öfter vom Westen aus christliche Heere ins slawisch besetzte Land vordrangen, durch den starken Einfluß der Priester Rethras geeinigt. Nicht selten holten sich die Redarier und Obotriten die Dänen und Deutschen zu Hilfe, wenn beispielsweise die Polen versuchten, ihren Machtbereich nach Westen auszudehnen und, selbst inzwischen Christen, die hier ansässigen Slawen nicht nur zu unterwerfen, sondern auch auszutilgen.

Immer wieder lesen wir von den Versuchen, dieses der Christianisierung hinderliche Rethra zu zerstören. Jeder der drei Ottonen oder auch sich stark dünkende Bischöfe wie der Bischof Johannes von Rostock oder Bischof Burchardt von Havelberg unternahmen Versuche, dieses heidnische Bollwerk zu beseitigen.
Der erste wurde gefangengenommen und nach langer Marter geköpft, der andere war erfolgreicher und entführte das heilige weiße Roß Rethras.
Das Heiligtum konnten beide nicht zerstören. Das blieb dem sächsischen König Lothar, späterem Kaiser Lothar I., vorbehalten, als er 1125, ursprünglich auf einem Zug gegen die Ranen, Rethra überrannte und das große Heiligtum abbrannte.
Damit war die Macht der Rethra-Priester, die zuvor stets die slawischen Stämme geeinigt und mithilfe des Liutizen-Bundes, einer Art Militärbündnis, alle Angriffe abgewehrt hatten, für immer gebrochen. Jetzt konnten im Gefolge Lothars die Herzöge Albrecht der Bär und Heinrich der Löwe und nachfolgend deren Vasallen die Christianisierung nach Osten vorantreiben und im Gefolge deutsche Siedler bis über die Oder und weit nach Pommern hinein ansiedeln.
Es ist aber nicht zu bezweifeln, daß dieses günstig am Seerand gelegene, von tiefen Wäldern und Sümpfen geschützte Wustrow (noch unmittelbar vor dem Straßenbau 1960 kam man nur mit dem Pferdefuhrwerk oder Traktoren dort hin, so unwegsam waren die Verbindungen nach Siehdichum oder durch die „Rehser Birken“) mit der Entwicklung Rethras in engem Zusammenhang stand und Wohl und Wehe dieser slawischen Siedlung von dem Gedeihen des Heiligtums abgehangen hat.

Die von Carl Otto Ferdinand Mercker und Pastor Lucius im 19. Jahrhundert ausgegrabene Brücke zur Fischerinsel – von beiden als „Brücke zu Rethra“ bezeichnet, war an ihren Pfostenresten noch in den 60 er Jahren des 20.Jahrhunderts zu erkennen und führte aus der Wustrower Bucht zur Insel.
Angaben Boeks zufolge hat in slawischer Zeit eine Verbindung zur Lieps von solcher Breite bestanden, daß das Ostufer der Fischerinsel gegen den Wogenanprall von der Lieps mit Uferbefestigungen geschützt werden mußte. Die 1969 auf der Fischerinsel ausgegrabene doppelköpfige Götzenfigur wird auf ein Alter um 1220  plus/minus 60 Jahre datiert, entstand also zu einer Zeit, als Rethra schon lange zerstört, dennoch noch immer als eine slawische Besiedlung existiert hat. Es ist aber sehr wohl anzunehmen, daß bei der erwähnten Zerstörung Rethras durch den Bischof Burchardt mit dem Raub des heiligen weißen Rosses auch Wustrow zuschanden kam. Zu Rethra gab und gibt es viele verschiedene Meinungen, auch oder gerade, weil in der letzten Zeit die Forschungen weitgehend ruhen.

Doch sind Gutachten und Meinungen des früheren Bezirksdenkmalspflegers Schumacher zu den Forschungen Boeks von einiger Bedeutung, wenn er, bezugnehmend auf einige gegensätzliche aber durchaus unsachliche Stellungnahmen zu diesen, schreibt:
Entsprechend mager waren einige Ergebnisse. Man könnte sie mit dem Zitat von Heinrich von Kleist umreißen: Er ging herum mit Worten wedelnd, mir fiel das Sprichwort ein vom heißen Brei.“
Boeks langjährige Bemühungen um den „Rethra-Standort Fischerinsel“ fanden bisher nur ungenügende Würdigung. Zahlreiche Unterwasserfunde, Stichgrabungen und Einmessungen des unermüdlich Suchenden können Hinweis und Anlaß zu weiteren Untersuchungen sein, doch ruhen, einesteils wegen mangelnder Mittel und andererseits, weil die Forschungskapazität gegenwärtig anders gebunden ist, ernsthafte Bemühungen. 
1867 glaubte man auf der Fischerinsel Rethra gefunden zu haben, 1878 in Wustrow, nachdem bereits 1724 Alt-Rehse im Gespräch gewesen war. 1729 war das Fachwerkhaus auf der Insel neu errichtet worden, nachdem schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein Haus für die Fischer von Neubrandenburg dort gestanden hatte. Boek hat während seiner häufigen Aufenthalte auf der Fischerinsel zwischen 1974 bis 1991 nur am Inselrand ohne Spaten 48.7 kg slawische Keramik, 1.1 kg frühdeutsche Keramik, 0,8 kg germanische Keramik, 16,1 kg Tierknochen aller Art, insgesamt 139 sog. Kleinfunde, darunter Spinnwirtel, Messer, Eisennägel, bearbeitete Geweihstücke, bronzene Schläfenringe und Silbergeld gefunden.
Schon im (vermeintlichen) Stiftungsbrief widmet Fürst Kasimir von Demmin mit Genehmigung seines Bruders Boguslav zu Havelberg anlässlich der dortigen Domeinweihung am 16. August 1170 in Gegenwart des Markgrafen Albrecht des Bären den Domherren zu Havelberg in seinem Lande eine Schenkung, um dort ein Stift des Ordens der Cisterzienser zu gründen. Diese (vermeintliche) Urkunde zählt 34 Ortschaften auf, darunter „wustrow castrum cum villa“ - „Wuztrowe, die Burg mit dem Dorfe“. Zwar besteht begründeter Verdacht, dass diese Urkunde eine Fälschung ist, doch ist sie das wohl wegen der zuviel aufgeführten Dörfer, und sie beweist andererseits, dass Wustrow damals bereits bestand und von erheblicher Bedeutung war, wird es doch nicht einfach nur mit seinem Namen genannt, sondern wie ein Land mit einer dazugehörigen Burg aufgeführt, es wirkte also weit über den örtlichen Bereich hinaus.
1170 ist beim Lande Wustrow in einem Lande Pacelin der namensgleiche Ort erwähnt.
Allmählich schwindet mit dem Ende der Macht Rethras die Bedeutung Wustrows. Schon 1182, in der erneuten Bestätigung der Schenkung, wird Wustrow ebenso wie Pacelin in der tatsächlichen, bestätigten Schenkung nicht als Klostereigentum Brodas benannt; es gehörte zu diesem Zeitpunkt also zu dem an die Markgrafen Johann und Otto  1236 abgetretenen Land „Werle“ als „Land Wustrowe-Pacelin“.
Mit dem Niedergang des zentralen slawischen Heiligtums Rethra, das letztmalig anlässlich des Wendenkreuzzuges 1147 in den Schriften erwähnt wurde, wird auch die Bedeutung Wustrows gefallen sein, und der Ort wird den Weg wie die anderen Dörfer ringsum vom Bauerndorf zum Lehnsgut erlitten haben. Doch vorher noch, 1195 / 1196 beim Einfall des Markgrafen Otto v. Brandenburg, ist dieser Landstrich an die Markgrafen von Brandenburg gekommen, so dass die wendischen Fürsten ihn nur als Lehen hatten. Wild –und Fischreichtum haben den mageren Ertrag des Ackers kaum ausgeglichen, auch wenn in einer Slawenchronik vom Tollense-See berichtet wird, dass „so viele Fische im See gewesen seien, dass man ein Ruder ins Wasser stellen konnte, es fiel nicht um.
Dahinter verbirgt sich die schon bei den Chronisten der damaligen Zeit bekannte Übertreibungssucht der Slawen. (Siehe dazu auch E.M.Arndt in seinem „Versuch der Geschichte der Leibeigenschaft - -.“)
Als im 12. Jahrhundert teils durch anhaltende starke Regenfälle (Julianenflut 1164 ?), teils danach durch bis heute schwer erklärlichen, willkürlichen Anstau die auf den Inseln und am Wasser liegenden Ansiedlungen der Slawen gefährdet waren und die Lieps in ihrer heutigen Form entstand, wurden die slawischen Ansiedlungen teilweise verdrängt.

Später kam es beim Bau der Vierrade-Mühle in Neubrandenburg zu einem weiteren Anstau der beiden das Dorf Wustrow berührenden Seen.
1785 entstand in Wustrow die erste Kerzenfabrik des Landes Mecklenburg-Schwerin, als der Großherzog darauf drängte, Manufakturen in seinem Land anzusiedeln. Sie versorgte beide Fürstenhöfe in Schwerin und Strelitz, und ihre Erzeugnisse waren begehrt. Das ist zugleich ein indirekter Hinweis auf eine weit verbreitete Imkerei, ohne die solche Mengen an Bienenwachs schwer denkbar waren. Später werden es wohl „Talg – und Unschlittkerzen“ gewesen sein, die hier hergestellt worden sind. Noch nach dem letzten Kriege stand am Ende des Dorfes nach Westen zu ein großer Ziegelschornstein, der mit dieser Fabrik in Verbindung gebracht wird. Dazu kamen noch eine Ziegelei, für die durch den Alt-Rehser Gutsbesitzer C.O.F. Mercker der Ziegelgraben in der Mitte des 19. Jahrhunderts erneuert wurde, wobei die eichenen Pfähle der „Brücke zu Rethra“ gefunden wurden.
Eine Glasmacherei hat ebenfalls bestanden. Die Ziegelei befand sich anfangs wahrscheinlich an der Lieps, etwa dort, wo heute die einzelne starke Eiche am Wasser steht. Noch immer werden hier alte Ziegelreste gefunden. Zugleich liegt unmittelbar an der Lieps, dicht bei der früheren Kuhtränke und Badestelle eine Vertiefung in der einstigen Koppel, die auf die Entnahme von Rohmaterial hindeutet. Die Ziegel gelangten auf Kähnen über den Kanal und den großen See bis nach Neubrandenburg.
Die Glashütte der Glasmacherei hingegen war vermutlich bei dem heutigen Neu-Wustrow hinter dem „Teufelsabbiß“ genannten tiefen Bruch bei der großen Eiche links vom Radwanderweg gelegen und soll nach den Chronisten von 1734 bis 1750 gearbeitet haben. Grundherr Freiherr Otto Julius von Malzahn machte mit dem Hüttenmeister Johann Lukas Gundlach den 1734 abgeschlossenen Vertrag zur Anlage der Hütte für die Dauer von 16 Jahren. Der Konsens mit dem Landesherren fand im gleichen Jahre statt. Über die ziemlich kurze Produktionszeit muß man sich nicht wundern. Zum einen wurde große Mengen an Holz, vorwiegend Buchen  verbraucht, und dem Grundherrn fiel so anschließend das gerodete Land als Ackerfläche zu, dabei kann man pro Jahr mit ca 3500 Raummetern Holz rechnen, was für die 16 Jahre, in denen die Wustrower Glashütte betrieben wurde, einen Gesamtverbrauch von ca 56 000 Raummetern Holz bedeutete,  zum anderen waren die Glasmacher bei den Gutsbesitzern nicht sonderlich gern gesehen, waren sie doch im Gegensatz zu seinen leibeigenen Landarbeitern freie Lohnarbeiter, die sogar das Recht besaßen, Gewehr und eine blanke Waffe zu tragen.
Dicht bei der Hütte, deren Flächenausdehnung man mit gut 1 bis 2 ha annehmen kann, jedoch so weit abseits, dass mögliches Feuer sie nicht gefährden konnte, befanden sich die Hütten des Hüttendorfes und zumeist auch ein Hüttenkrug. Diese Hütten waren nicht für die Dauer errichtet, war doch der Wald für die Glasherstellung bald im weiten Umkreis gerodet. Allerdings war nach dem 30jährigen Krieg, der Mecklenburg fast menschenleer gemacht hatte, durch unbestellte Äcker und Weiden soviel Holz und Strauchwerk gewachsen, dass manch ein Gutsherr neben den Einnahmen aus dem Holz zugleich den danach folgenden Rückfall des gerodeten Waldes in seinen Ackerbau als nicht geringen Vorteil sah. So verschwanden durch die Glasmacherei wie die anderen Manufakturen (Kerzenzieherei, Ziegelei) die oft ansehnlichen Gutswälder. In nicht wenigen Fällen griff man deshalb anschließend zum Torf als Brennmaterial. Ob das auch in Wustrow so war, ist nicht zu sagen, auch kaum wegen der Kürze der Glasherstellung anzunehmen.
Wo das Hüttendorf gestanden hatte, ist bis jetzt nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen, dass an seinem Standort noch heute Braun –oder Grünglasreste gefunden werden können, hatten doch die Glasmacher das Recht, ihre Erzeugnisse auch für sich zu verwenden.
Auch am Standort zwischen Wustrow  und der Gemarkungsgrenze nach Zippelow finden sich nach dem pflügen immer wieder Zuschlagstoffe und Reste der Schmelzöfen.
Glasreste waren bei der Hütte kaum zu finden, wurden sie doch umgehend dem Schmelzprozeß wieder zugeführt. Vorher, vermutlich schon vor ihrer ersten Erwähnung 1661, gab es im Ort eine Wassermühle, die vom Wasser des Mühlenbaches getrieben wurde, der aus den Buchenbergen das reiche Quellwasser zusammenfasste und durch das Dorf leitete. Sie lag etwa dort, wo der Teich links nahe an das alte Gutshaus heranreicht.

So wurde Wustrow in jener Zeit als „ein Fabrikhof fast wie im Gebirge“ beschrieben. Bis in unsere Zeit um 1928 standen Wassermühle und Ziegelei.
Jahrhundertelang war das Wasser dieses Baches Trink –und Brauchwasser zugleich für die Bewohner wie für das im großen Kuhstall gehaltene Rindvieh, ja, es wurde bis lange nach 1945 derart genutzt. Allerdings wurde der Mühlgraben zweimal jährlich geräumt, entschlammt und gekiest.
Von den alten baulichen Anlagen ist heute neben dem teilweise erneuerten Gutshaus und einem Landarbeiterkaten am Wege zur Lieps nur noch der hinter dem Teich liegende einstige Speicher erhalten. Zwar ist der alte Mühlgraben, wenn auch durch Naherholung und Landwirtschaft randaliert,
noch in seinem Verlauf zu erkennen, doch bringt er heute kaum noch Wasser in den Dorfteich.
Am 25. Oktober 1787 berichtet das Ratsprotokoll der Stadt Neubrandenburg über einen Streit der Stadt mit dem Gutsbesitzer von Wustrow, Baron v. Maltzahn.

Was war geschehen? Neubrandenburger Fischer hatten Wustrower Dorfleute dabei beobachtet, wie sie vom Tollense-See auf dem Rohrberg vor der Fischerinsel Schilfrohr warben. Der Inspektor des Barons namens Bruhn wäre dazu gekommen und hätte seinen Leuten befohlen, mit dem Abmähen fortzufahren. Die Fischer hätten dann versucht, dem Inspektor die richtige Grenze zwischen hiesigem Grund und Boden und Wustrow anzuweisen, doch hätte der ihnen geantwortet, daß sie die Leute nicht wären, von denen er sich Grenzen zuweisen lassen dürfte.
Die Fischer hatten ihn darauf einen Rohrdieb genannt und dann dem Rat Mitteilung gemacht. Darauf hat der Rat beschlossen, den Herrn Hofrat Walther von der herzoglichen Regierung (Mecklenburg-Schwerin d.V.) zu bitten, daß er Herrn Baron v. Maltzahn dazu bewegen möchte, der Stadt wegen dieses Übergriffes Genugtuung zu leisten.
Für uns heute ein kaum noch verständlicher Streit um Rohr, doch damals waren die Rohrgerechtsame ein wesentlicher Bestandteil der Fischereigerechtsame und eine erhebliche Einkommensquelle, denn die meisten Häuser in den Dörfern wie in der Stadt waren noch mit Rohr gedeckt.
Wustrow ging von den v.Maltzahns an das Land zurück. Später wirtschaftete eine Familie Wassermann auf der Domäne.
Das Landeslehen Wustrow wurde danach im Zuge der Baumaßnahmen am Westwall einem dort enteigneten Baron Bevervörde als Entschädigung überschrieben. Der legte am Waldrand zur Lieps, etwa 300 m außerhalb des Dorfes, dort wo sich das seltene Naturschauspiel zweier zusammengewachsener ungleicher Baumriesen bietet – eine etwa 300 jährige Eiche und eine wohl ebenso alte Buche sind fest miteinander verbunden -  einen Forellenteich mit einer Fütterungsanlage an, wobei das Wasser von den Quellen her für ständige Erneuerung sorgte und über ein Wehr zum Dorf weiterfloss.
Da der Boden in Wustrow sehr arm war, konnte sich der Gutsbesitzer kaum durch Feldbau, als vielmehr durch Weidewirtschaft halten. (Das mag wohl auch schon im 18. und 19. Jahrhundert der Grund für die Anlage mehrerer Manufakturen gewesen sein.)
Außerdem fanden im Herbst große Einladungsjagden auf ausgewilderte Fasanen und Damwild statt.

Anfang Mai 1945 wurde Wustrow nach schweren Kämpfen von den Russen erobert, die auch hier bald die Bodenreform durchführen ließen. Zugleich wurde das Wehr des Forellenteiches von den Russen gesprengt.
Interessant ist, dass ganz im Gegensatz zu den Anordnungen über die Bodenreform, wonach der Gutsbesitzer nie in seinem ehemaligen Eigentum eine Landstelle bekommen durfte, in Wustrow die Familie des früheren Besitzers v. Bevervörde eine Bodenreformstelle bekam. Sie ist aber bald weggezogen.
Der Viehbestand für diese Neubauernhöfe war miserabel.
Die Russen hatten, was sie nicht schlachteten, zumeist forttreiben lassen. Deshalb wurden durch die Landesregierung in Schwerin im Zuge des Ausgleichs aus Sachsen Ziegen und Kühe (neben Pferden und Traktoren) nach Mecklenburg „umgetrieben“. Wie diese Kühe aussahen, kann man sich denken. Sie gaben teilweise weniger Milch als die Ziegen, von denen aber selbst die armen Neubauern nichts wissen wollten.
So hatten besonders Neubauern auf Böden wie in Wustrow Mühe, ihr Milchsoll zu schaffen. Aus solchen Gründen, aber auch wegen der kümmerlichen Erträge auf dem Acker mit seinen stark hügeligen, kaum von schwerer Technik zu bewältigenden, sandig-kiesigen Flächen und den vorwiegend Bruchwiesen – wie im Naturschutzgebiet hinter den Torflöchern – gaben bald die ersten Bodenreformbauern auf und es entstand ein ÖLB (Örtlicher Landwirtschaftsbetrieb), dem dann zeitig eine LPG „Frohe Zukunft“ folgte, die alsbald ihre vorläufige Rettung im Zusammenschluss mit der Nachbar-LPG „Morgenrot“ Alt-Rehse fand.
Aus den weiten Niedermoorwiesen westlich des Dorfes, die lange im Frühjahr überschwemmt waren (wozu der Kahlschlag der Buchenwälder auf den Hanglagen zur Lieps Anfang der 70er Jahre erheblich beitrug), wurde häufig das minderwertige Heu mit Forken herausgetragen.
Dem sollte später eine Eindeichung der Wiesen gepaart mit einem Schöpfwerk bei Wustrow abhelfen, doch kam es nun oft zur Austrocknung dieser Wiesen, in deren Folge sich der Boden absenkte und nur tiefwurzelnde Sauergräser überlebten.
Zeitweise wurden in Wustrow in der Obstkoppel, jener Hanglage oberhalb des Mühlgrabens, die zum begehrtesten Bungalowstandort werden sollte, Gänse in großer Zahl gehalten.
Doch die Vernachlässigung der einfachsten Hygiene führte ebenso wie mangelnde Kenntnis zu solch großen Verlusten in der Aufzucht, dass man auch davon bald abkam.

So wurde Anfang der 70er Jahre durch einen Bezirkstagsbeschluss zur Naherholung Wustrow in seiner Flur I. großenteils parzelliert. Es kam rasch zu einer Bungalow-Bebauung, die vor allem durch einflussreiche Funktionäre von Wirtschaft, Partei und NVA genutzt, die vorgesehene vernünftige und auf einer Diplomarbeit einer Landschaftsarchitektin beruhende, der wechselvollen Landschaft angepasste Bebauung mit vorgegebenen Typen missachtete.
Nicht gewollte Zäune, Garagen, Keller und Schornsteine bestimmten in einer egoistisch verformten Naherholungs-Siedlung das Bild. Mit wohlwollender Duldung der LPG Pflanzenproduktion, die in den Hanglagen der Koppeln zum großen Hügelgrab hin nur eine Belastung sah, konnte sich diese Naherholung immer weiter ausdehnen, ehe seitens der Gemeinde Einspruch erhoben wurde.
Das ursprüngliche kleine Dorf wurde erdrückt, sein Charme ging verloren.
Die Einwohner hatte man teils rücksichtslos aus ihren langjährig genutzten Gärten vertrieben.
Macht spreizte sich.
Aus einer für Gewerkschaftsgruppen, Bestarbeiter und Kinderreiche geplanten Anlage mit Badestrand, Restaurant und anderen Naherholungseinrichtungen wurde eine Funktionärsanlage ohne Naherholungsmöglichkeit für die übrigen Neubrandenburger, bei der mitunter streng bewirtschaftete Bauteile wie Fertigteilelemente der Großblockbauweise aus Neubrandenburg angefahren und verbaut und ebenso wertvolles, streng bewirtschaftetes Material wie lasierte Tonrohre und Wellaluminium für Dächer nach hier illegal abgezweigt wurden.
Derweil mussten benachbarte LPGen auf dieses dringend benötigte und geplante Material verzichten und sich anderweitig behelfen.
Teilweise wurde mit Bungalow-Grundstücken geschachert und gefeilscht.
Eine besondere, abseits am Alt-Rehser Wald gelegene kleine Bungalow-Siedlung, die Waldrandsiedlung, blieb zumeist einflussreicheren Bauherren vorbehalten, die sich bald einzäunten und ihr Territorium mit eisernen Toren schützten.
Nach der Wende kam der übergroße Teil der Fluren und Wälder Wustrows an die Treuhand. Heute leben kaum noch Wustrower im Ort. Die einstigen Naherholungssiedler mußten inzwischen den Grund und Boden vom
Bundesvermögensamt kaufen, nachdem per Gerichtsentscheid auch die Gemeinde ihres Rechtes verlustig ging.
So ging die ursprüngliche Idee der Gemeinde Alt-Rehse, aus dem unzeitgemäßen, überholten Bungalow-Standort allmählich und mit der nötigen Umsicht wieder eine dörfliche Siedlung zu gestalten, für lange Zeit verloren.

Heute existieren von den Wustrower Bauten nur noch der hinter dem Teich gelegene Speicher, das linkerhand liegende eingeschossige, zur Zeit nur links restaurierte und bewohnte alte Herrenhaus, hinter dem Speicher liegend ein inzwischen ausgebautes Wohngebäude, sowie die ebenfalls vor längerer Zeit umgebaute Schnitterkaserne. Neben dem alten Graben mit seinen Schuppen für die Boote der Angler wurde in den achtziger Jahren zusätzlich ein Stichgraben angelegt, der die Bootsliegeplätze der Naherholung aufnahm. Dabei wurde rücksichtslos das vermutliche Eingangstor zu „rethra“ vernichtet.
Ein kleiner Badestrand am Ende des von Alt-Rehse kommenden Naturlehrpfades wird durch einen Bootsverleih ergänzt. Sehenswert ist das Hohe Hügelgrab, der „Spitze Hügel“, oberhalb Wustrows nach Nordwesten hin. Von den alten Einwohner liebevoll aber falsch „Der Wendenkönig“ genannt, liegt es auf einem Endmoränenhügel so hoch, dass man von hier aus weit über Tollense-See und Lieps bis nach Neubrandenburg und zur B 96 blicken kann. Durch die Gemeinde wurde ein Wanderweg vom „Öschenberg“ aus, dem mit Buchen bewaldeten Anberg zwischen Wustrow und Neu-Wustrow zum Grab hoch geführt, und Bänke laden den vom Aufstieg ermüdeten Wanderer zur Rast ebenso ein, wie sie ermuntern, über Geschichte und Vergänglichkeit nachzudenken. „Öschenberg“ heißt der Steilhang seit langem im Volksmund, weil hier im zeitigen Frühjahr die „Öschen“, weiße und gelbe Buschwindröschen sowie Leberblümchen in großer Zahl blühen.


 

Neu-Wustrow (genannt: Klein-Korea)

 

Nach 1945 entstand der kleine Ort Neu-Wustrow als eine Bodenreform-Siedlung für Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten mit sieben in Lehmstampfbauweise und großenteils durch Eigenleistung errichteten Gehöften.
Sie wurde in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Spitzen Hügel“ auf einem zum Wustrower Wald hin sich erstreckenden Hochplateau aufgebaut. Bald hieß das kleine Dörfchen im Volksmund abfällig „Klein-Korea“. Über die damals dort herrschenden Zustände gibt ein Ausruf einer Vertriebenen, die dort eine notdürftige Bleibe gefunden hatte, beredte Auskunft, als sie sagte:“ Ist sich letztes Loch vor Hölle“. So wirkt es heute nicht mehr, zumal die Lage in dieser zauberhaften Landschaft mit Blick auf den „Wendenkönig“, den Tollense-See, den Löddig-See und hinüber nach Wustrow für manches entschädigt.
Später fanden sich Interessenten für die teilweise verlassenen Lehmbauten, die hier anfangs auch nur Naherholung in einer Zweitwohnung betrieben, ehe allmählich und heute zunehmend, ein kleines freundliches Dörfchen entstanden ist, dessen Bewohner sich hier gemeinsam wohlfühlen.
Heute führt von Neu-Wustrow aus ein zauberhafter, wenn auch feuchter, nicht befahrbarer Waldweg an den Quellen der Tollense vorbei zur Lieps.
Der zentrale Radrundweg um Tollense-See und Lieps führt durch den Ort und verbindet so Neu-Wustrow einerseits mit Alt-Rehse und nach der anderen Seite mit dem nahegelegenen Zippelow und Prillwitz.

 

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